Wie ich hier gelandet bin
Noch nie habe ich mich als Wissensarbeiter in Tech verlorener gefühlt als jetzt. Für mich hat es sich bewährt, dem unklaren Blick nach vorn mit Rückbesinnung zu begegnen, in der Hoffnung, dass die Vergangenheit Impulse für die Zukunft bereithält. Wie bin ich also an diesem Punkt in meinem Leben angelangt?
Ich bin 1988 in Leipzig geboren und damit in einem Land, das es nicht mehr gibt. Nun stelle ich mich nicht vor als Stephan, geboren in der DDR. Mit knapp zwei Jahren von Geburt bis Mauerfall und einem weiteren knappen Jahr bis Wiedervereinigung wäre das mehr als vermessen. Dennoch bilde ich mir ein, dass meine Herkunft eine Treppenstufe darstellt hin zur Erkenntnis, welche Qualitäten ich heute wertschätze. Weitere Stufen sind die weltöffnende Erziehung meiner Eltern, die Freundschaft zu und Vorbildfunktion von meinem älteren Bruder, Geschichten und geschenkte Zeit von meinem Onkel, meinen Großeltern, den Freunden der Familie, und schließlich das Heranwachsen in einer Zeit, in der Handys, das Internet und Social Media noch nicht existierten.
Was jedoch existierte waren Bande und Banden. Bande, die es meinen Eltern ermöglichten, gemeinsam als Familie für lange Zeit in der Ferne zu leben—kurz nach der Wende am Bodensee, 1992/93 und noch einmal 1996 in den USA. Und Banden, als deren Mitglied ich durch unser Viertel streifte, weil wir gerade Detektiv spielten oder die Reste vom Bäcker um die Ecke abstauben wollten. Das eine ist eine Verheißung von Potenzial, das ich als kleiner Junge im einstelligen Alter sicher nicht ausgeschöpft habe, und das andere ist nicht ohne romantische Verklärung. Aber ich weiß, dass das Reisen in die Ferne die Welt kleiner und weniger einschüchternd gemacht hat. Dass die frühe Berührung mit Englisch meine Synapsen neu verdrahtet hat. Dass diese Stationen in meiner Vita mir Türen geöffnet haben. Und dass meine Banden eine liebenswerte Erinnerung daran sind, dass ich noch im Dreck gespielt habe.
Zuerst wollte ich Architekt werden. Wahrscheinlich wegen eines guten Freundes der Familie—seine feinen Skizzen, die künstlerische Aura und der ihn ständig umwehende Pfeifendunst faszinierten mich. Dann wieder Archäologe, weil mich das Intro der ZDF-Reihe Terra X: Schliemanns Erben völlig in seinen Bann gezogen hatte. Ich ahnte damals aber noch nicht, dass eine noch fesselndere Welt auf mich wartete: Computer! Meine frühesten Erinnerungen sind International Karate, Prince of Persia und River Raid auf dem Atari und das Windows 3.1 auf dem Arbeitslaptop meines Papas. Ich brachte mir mit dem sagenhaften The Real Adok’s Way to QBasic meine erste Programmiersprache bei. In der fünften Klasse schenkten mir meine Eltern Turbo Pascal für Kids, mit 11 schrieb ich mein erstes Text-Adventure und als Teenager betrieb ich eine der größten Webseiten für programmierbare Casio-Taschenrechner. Lol. So verdichtet klingt das nach einem ziemlich hoffnungslosen Fall von Nerd, aber neben all der Technik habe ich das Leben draußen nie vernachlässigt. Das Leipzig der 90er und frühen 2000er war ein wunderbarer Spielplatz.
Spätestens mit dem Informatik-Unterricht, den ich an meiner Schule mit vertieftem mathematisch-naturwissenschaftlichen Profil von der 7. bis zur 12. Klasse belegen konnte, war der Drops gelutscht. Informatik wollte ich studieren. Wegen der Möglichkeiten meiner Schule—wohlwollende und zugewandte Lehrer*innen, internationale Wettbewerbe in Frankreich und den USA, besondere Lernleistung in der Oberstufe in Kooperation mit der Universität—und der entsprechenden Vorbilder zu Hause kam ich auch relativ schnell auf den Trichter, eine akademische Laufbahn einschlagen zu wollen. Ich weiß noch, dass ich unter „Berufswunsch“ in meiner Anmeldung für das Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes schrieb: Professor. Bäm.
An mein Studium habe ich die schillerndsten Erinnerungen. Die deutliche Mehrheit handelt vom Großwerden, von Freunden und extrakurikulären Aktivitäten, nicht von Vorlesungen und Forschung. Ich habe gern studiert, hatte meinen ersten Job nach dem ersten Semester in der Tasche und habe bis zum Ende nicht damit aufgehört. Tutor, Praktikumsbetreuer, Mentorenprogramm, Fachschaft, Forschungsassistent, Graduiertenkolleg. Alles hätte so schön sein können, der Pfad zum PhD war geebnet. Aber die Mär von der Uni als magischer Hort des Wissens, des Wissensaustausches und der Forschung zum Wohle der Menschheit hat sich für mich nie bewahrheitet. Zu viel ging es um Exzellenzcluster, Drittmittel, Paper-Erstautorenschaft und Ellenbogen. Ich habe eine Weile gebraucht um zu realisieren, dass ich für den harten Wissenschaftsbetrieb nicht gemacht bin, dass ich unglücklich bin. 2013 brach ich meine PhD-Studien ab.
Ich begann in einem kleinen Betrieb in Saarbrücken als Software-Entwickler zu arbeiten. Kleines Team, ein fordernder und fördernder Chef, genug Freizeit für das WG-Leben. Es war eine unbeschwerte Zeit. Nach einem intensiven Hackathon beim Startup Weekend in Köln war ich bereit, das Saarland hinter mir zu lassen und nach Berlin zu ziehen um—na klar—ein Startup zu gründen und auch gegen die Wand zu fahren. Eine großartige Erfahrung! Im Anschluss folgte ich den Rufen von Fernweh und IBM nach Dublin. Die Kombination aus Arbeit im Ausland und Arbeit für einen Tech-Riesen kam für mich zur rechten Zeit und ich bin nach wie vor sehr glücklich über diese Entscheidung. Als Mitglied des sogenannten Bluemix-Teams—IBMs damaliger Cloud-Entwicklungsplattform—gehörte ich zu einer Art Startup innerhalb von IBM. Wir hatten eine gewisse Narrenfreiheit was Ausprobieren und Etablieren der IBM-Marke innerhalb der Entwickler*innen-Community anging und lebten diese auch mit einer gehörigen Portion punk-rockiger DIY-Attitüde aus. Ich durfte mit Kolleg*innen Hackathons in Dublin ausrichten, eigens entwickelte Tech-Demos durchführen und zu Kunden in Glasgow, Edinburgh und London reisen.
Um näher bei meiner damaligen Freundin/jetzt Frau in Hamburg sein zu können, suchte ich nach einem neuen Job. Eine schicksalhafte Email des CTOs von Asoko Insight nach einer Art Speed Dating zwischen Software-Entwickler*innen und Startups in Dublin besiegelte gleich mehrere Premieren: meinen Umzug nach Hamburg, meine erste Stelle als Leiter eines Teams, meinen ersten Remote-Job und den ersten Baustein meines Weges, den man neudeutsch als doing good with tech beschreiben könnte. Die Menschen in meinem Team saßen in Nigeria, Bulgarien und der Ukraine und gemeinsam mit unserem südafrikanischen CTO in Dublin schufen wir den technischen Unterbau für eine Geschäftsdatenplattform von aufstrebenden Firmen in Subsahara-Afrika.
Unser Umzug von Hamburg nach Köln fiel mit einem sechs Monate währenden Ausrutscher in die IT-Beratung zusammen. Dazu muss man eigentlich nur wissen, dass das eine Zeit war, in der Software-Entwickler sich gern Namenszusätze wie Ninja, Magician oder Artist verpassten. Vielleicht kein Vergleich zu der Egomanie heutiger Tech Bros, aber dennoch ist es mir peinlich, wie geschmeichelt ich damals von dem mir verpassten Rockstar war. Zur Besinnung kam ich durch meine erfolgreiche Bewerbung bei Kölns Vorzeige-Startup eyeo, den Machern von Adblock Plus und damit dem Stinkefinger in Richtung penetranter Online-Werbung und dark patterns der Axel-Springer-Presse. Ich als ein Kämpfer für das freie Internet mit fairer Monetarisierung für Inhalte! Ich wähnte mich angekommen auf meiner Mission, meine Tech-Ausbildung für etwas Gutes einzusetzen. Ich lernte viel dazu, traf unzählige tolle Menschen und durfte wieder ein internationales Team aufbauen und leiten. Aber Dinge geschahen. Im Schatten von Covid und dem russischen Angriffskrieg veränderte sich die Firma. Als mittleres Management der verhassten Springer-Presse auf einmal den Weg in die C-Ebene von eyeo fand, war ich skeptisch. Als mich Reporting und Personalaufgaben den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen ließen, war ich ausgebrannt. Ein Teamwechsel kam zu spät—etwas war kaputtgegangen. Als ich ein Jahr vorher meinem alten Chef von Asoko Insight berichtet hatte, was eyeo so treibt und wie ich meine Rolle interpretiere, kommentierte er trocken: Ahhh Stephan; you continue to fight the good fight.
Von diesem guten Kampf war nicht mehr viel übrig.
Mein Plan für meine Selbstständigkeit fußte also auch auf einer gehörigen Portion Trotz: Wenn Firmen, die ich als Allies betrachtet hatte, es nicht schaffen, Tech dorthin zu bringen, wo sie gebraucht wird, muss ich es eben alleine versuchen. Das erste Jahr hätte ich mir nicht besser ausmalen können: Ich konnte langfristig für Mnemonic und das Syrian Archive arbeiten und erhielt tiefe Einblicke in die Welt der Open Source Intelligence und der Verfolgung von Kriegsverbrechern im Internet. Mit Correctiv arbeite ich an einer frühen Version des Faktenforums, einer Community-Plattform für das Erkennen von Fake News. Und über die Arbeit meiner Frau fand ich Verbündete beim Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt.
Aber so ging es nicht weiter. Die USA bekamen ein zweites Mal Trump, wir bekamen Friedrich Merz und die Welt bekam „KI“. USAID-Gelder wurden gestrichen, unsere Regierung attackiert das Demokratie leben! Programm und quasi-insolvente Städte und Kommunen gehen an die Töpfe für Soziales und Kultur. Und all das während rechtsnationale, rechtsradikale und totalitäre Kräfte Hochkonjunktur haben. Mehr als einmal las ich morgens etwas auf tagesschau.de und hatte nachmittags ein Meeting dazu. Um meine mentale Gesundheit nicht zu gefährden, fing ich an, meiner Arbeit mit NGOs auch Arbeit mit lokalen Vereinen und Kulturbetrieben beizumischen.
Aber auch vor dieser Arbeit machen die künstlich hochstilisierten Disruptoren unserer Zeit nicht halt: LLMs, Agenten, Super Intelligence. Mein Bruder hatte mich schon während meines Studiums gefragt, ob ich nicht denke, dass mein Job mal von einer KI erledigt wird. Ich entgegnete eigentlich immer etwas entlang der Argumentation dieses Comics.
Da steckt immer noch viel Wahres drin. Vielleicht werden neue Abstraktionsebenen eingeführt und vielleicht ist selbstgeschriebener Code dann nicht mehr die vorherrschende Art der Spezifikation, aber eine gewisse Transferarbeit zwischen Menschen mit Domänenwissen und technischer Umsetzung ist auf absehbare Zeit nötig. Was ich nicht bedacht habe: Dass ich diese neue Art der Spezifikation nicht anwenden kann, weil sie turbokapitalistischen, faschistischen Mechanismen entspringt und nebenbei Themen wie Umweltschutz und Urheberrecht pulverisiert.
Dieses Jahr ist mir dreimal etwas Ähnliches passiert: 1. Ein potenzieller Kunde sucht einen Freelancer wie mich per Ausschreibung. 2. Ich melde mich, bewerbe mich, wir kommen ins Gespräch und sind uns per Handschlag einig. 3. Der potenzielle Kunde vermeldet, dass er eigentlich gar kein Geld für jemanden wie mich hat. Man werde wohl erst einmal versuchen alles mit LLMs zu machen, bis die Auftragslage wieder besser wird. Ende. Nun, ich habe noch kein einziges Mal ein LLM benutzt um Code zu generieren und obwohl mir bisher noch niemand vorgeworfen hat, dass ich zu langsam wäre oder in sonst einer Art den Anforderungen unserer modernen Welt nicht gerecht werde, wird mir langsam klar, dass ich eine Wette eingehe. Eine Wette darauf, dass der Weg in die Hölle mit Prompts gepflastert ist, dass die derzeitigen Angebote von „KI“-Technologie mittelfristig nicht tragbar sind und dass ich der Welt noch Fähigkeiten anzubieten habe, die bezahlt werden (können).
Jetzt ist es nicht so, dass ich mich nicht täglich hinterfrage, ob ich moralisch flexibler sein könnte. Sein muss. Schließlich hat schon Brecht gesagt, so erinnerte mich heute ein Freund, dass erst das Fressen kommt, dann die Moral. Und auch wenn ich mir davon nichts kaufen kann, lautet meine Antwort: Nein, ich kann den Scheiß nicht einsetzen. Ich denke da sofort an die einigen wenigen Tech-Milliardäre, die die einzigen sind, die von dieser Scharade profitieren. Die in die Trainingsdaten eingebackenen Vorurteile. Den völlig lächerlichen Energieverbrauch. Musks Methangas-Turbinen. Die Umweltverschmutzung. Lenker bei Meta, die ganze Bücherläden und Antiquariate aufkaufen und nach vollendeter Einspeisung als Trainingsdaten die Bücher verbrennen. Manager bei Microsoft und Konsorten, die in internen Chats zweifelsfrei den größten Urheberrechtsbetrug der Geschichte durchwinken. OpenAI und Anthropic, die nicht mal mehr so tun, als hätten sie ein funktionierendes Geschäftsmodell. Die unter dem Denkmantel der Selbstanzeige und der Bitte um Regulierung sich Zeit verschaffen um die Zahlen für einen spektakulären Börsengang zu schönen. Und—und das wiegt vielleicht am allerschwersten—an all die Menschen, die diesen Systemen ihre innigsten Geheimnisse anvertrauen—als hätte es Assange und Snowden nie gegeben—und dabei gleichzeitig nach wie vor denken, dass die Antworten aus heiterem Himmel generiert werden.
Solange ich die Wahl habe, entscheide ich mich gegen den Einsatz von „KI“ in ihren heutigen Auswüchsen. Was mich zum Hier und Jetzt bringt—ich schulde noch Auskunft über die anfangs erwähnten, von mir wertgeschätzten Qualitäten: Menschen und Erlebnisse statt Dinge und Prestige. Zugewandtheit, Geduld und Hingabe statt Schnelllebigkeit und Effizienzsteigerung. Reparatur und Pflege statt Wegwerfgesellschaft. Suffizienz statt Turbokapitalismus. Handgemachtes statt von „KI“ Weichgespültes.
Mir ist klar, dass diese Qualitäten gerade keine Lobby haben. Aber ich bin entschlossen alle erdenklichen Möglichkeiten auszuloten, sie zu bewahren und in meiner Arbeit zu leben. Macht irgendetwas von dem Geschriebenen Sinn für dich? Schreib’ mir eine Mail und lasst uns wieder Banden bilden.