Art

43,719 m (Nicht begnügen)

Pen Plotting, Sakura Pigma Micron 005 auf 170 g/m³ Zeichenpapier

Schäl Sick ist schick—behaupten jedenfalls Aufkleber, die sich an so manchem Laternenmast finden lassen. Ob diese Nachricht bei allen angekommen ist, darf in Anbetracht unausgeglichener Berichterstattung bezweifelt werden. Ich habe das Online-Stadtmagazin Mit Vergnügen einem Test unterzogen: Von 2.485 Orten und Veranstaltungstipps befinden sich nur 319 und damit 12,8% auf der rechten Rheinseite Kölns—die immerhin 36,9% der Kölner Einwohner beherbergt. Wäre Köln eine soziokulturelle Berglandschaft, würden die hochalpinen Gipfel von Ehrenfeld, Nippes, Innen- und Südstadt die Hot-Spot-Hügel von Deutz, Kalk und Mülheim im Höhenranking auf die Plätze 13 bis 15 verweisen. Damit sollten wir uns—gerade in Anbetracht des diesjährigen KalkKunst-Mottos Kalktopia—vielleicht nicht begnügen.

Das Programm zum automatisierten Erfassen der Mit-Vergnügen-Webseite habe ich in Python und mit Hilfe der Bibliothek Scrapy geschrieben. Für die Georeferenzierung kam Nominatim zum Einsatz. Das Höhenprofil habe ich durch eine Gauß-Kerndichteschätzung der Bandbreite 0,05 aus den Längen-/Breitengrad-Daten berechnet.

7,60 m (The Wrong Way to Draw a Line)

Pen Plotting, Gel-Stift und Stempel auf 170 g/m³ Zeichenpapier

Tausende Instruktionen in Sekundenbruchteilen mit höchster Präzision bearbeiten—so kennen wir Computer; als stoische Rechenknechte, für die eine Linie immer die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten ist. Leider ist genau dieser Grad an Effizienz im Umfeld generativer und algorithmischer Kunst eher ein Hindernis. Schließlich wohnt dem Perfekten auch immer eine gewisse Langeweile, fast Freudlosigkeit inne. Und so ist es am Menschen, die Maschine an die Hand zu nehmen; vom ernsten, fast perfekten Strich zur mit diebischer Freude geschwungenen Kurve.

Dieses Bild ist vom gleichnamigen Kapitel in Generative Art von Matt Pearson inspiriert. Was wie ein zusammenhängender Strich wirkt, ist in Wirklichkeit eine Aneinanderkettung vieler kleiner Segmente, die mit einer gewissen Abweichung von der perfekten Linie gezeichnet werden. Zur Berechnung dieser Abweichung habe ich die Rauschfunktion Perlin Noise benutzt. Erfinder Ken Perlin entwickelte diese 1982 für die Textursynthese im Film Tron und bekam dafür 1997 den Oscar.

20,94 m (Zerstreutes Leben)

Pen Plotting, Sakura Pigma Micron 05 auf 170 g/m³ Zeichenpapier

Conyways Spiel des Lebens ist eine automatisch ablaufende Zell-Simulation auf einem unendlichen Raster. Pro Schritt wird eine neue Generation von Zellen simuliert, deren Entstehung und Ableben von zwei Regeln definiert wird: (1) Eine Zelle lebt nur weiter, wenn sie genau zwei oder drei Nachbarn hat. (2) Eine neue Zelle entsteht, wenn sie genau drei Nachbarn hat. Obwohl normalerweise als emsige Animation visualisiert, habe ich mich gefragt, wie man die komplexen Dynamiken dieses einfachen Systems in einem Einzelbild festhalten kann. Dafür habe ich die einzelnen Zell-Generationen leicht verschoben und sie so auf einer Positions- statt auf einer Zeitachse dargestellt. Ohne die Vergänglichkeit der unbarmherzig voranschreitenden Animation ergeben sich vielleicht neue Impulse zu Einsamkeit, Nachbarschaft, Gruppendynamik und Erbe.

John Horton Conway erdachte dieses Spiel—genauer: den zellulären Automaten—im Jahr 1970. Bis heute fasziniert Life Wissenschaftler*innen aus diversen Fachgebieten. Das Spiel des Lebens ist Turing-vollständig: Jedes algorithmische Problem, das ein Computer lösen kann, kann auch durch das Spiel des Lebens berechnet werden. Ich habe das Spiel in JavaScript als Vektorgraphik umgesetzt.

73,81 m (pue)

Pen Plotting, Sakura Pigma Micron 02 auf 170 g/m³ Zeichenpapier

„Könntest du dich nur mit meinen Augen sehen…“ Dann kommen hoffentlich andere Bilder heraus, als die hier gezeigten. Aber die Intention hinter dieser Arbeit war ähnlich: Ein Auseinandersetzen mit der Schönheit einer geliebten Person. Schönheit, die selbst bei einem beinahe lächerlichen Grad an Reduktion zum Vorschein kommt und somit den Bereich des rein Ästhetischen verlässt. Was bleibt, ist ein Liebesbrief aus Linien, voller Mathematik und Faszination.

Grundlage für diese Serie war eine Photographie, die ich mit verschiedenen, in Python selbst implementierten Line-Tracing-Algorithmen seziert habe: von Sinus-Funktionen mit wechselnder Amplitude, über gewichtete Voronoi-Zellen bis hin zu den hier benutzten Centripetal Catmull-Rom Splines.

My Notes on Art