Wismar
Es ist nicht selten so, dass wenn mich etwas begeistert, es mich auch gleich richtig derbe begeistert. Wismar begeistert mich auf eben diese Art!
Wismar ist Teil zwei unseres kleinen Ostsee-Urlaubs—nach drei Tagen in Nienhagen bei meinen Eltern mit Besuchen in Warnemünde und Bad Doberan. Drei Nächte sind wir hier und obwohl das Wetter nordisch-trüb ist, hat sich Wismar bei einem nächtlichen Spaziergang an unserem Ankunftstag von seiner besten Seite gezeigt.
Wismar ist wunderschön! Nicht pittoresk/verträumt-schön wie zum Beispiel Warnemünde, sondern eher Nosferatu/Backsteingotik-schön; schiefe Fachwerkhäuser lehnen sich gegenseitig stützend aneinander, die ikonischen Giebelhäuser zeichnen sich gegen das Mondlicht ab und egal um welche Ecke man geht, mindestens eines der monumentalen Kirchengebäude von St. Marien, St. Georgen und St. Nikolai schielt mahnend auf einen herab. Die beleuchteten Bodenplatten, die die Drehorte des Films Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens markieren, vervollständigen die Stimmung, in der wir auf nass glitzerndem Kopfsteinpflaster durch die Altstadt geistern.
Am nächsten Tag zeigt sich, dass Wismar bei Lichte betrachtet nicht weniger schön ist. Der Himmel bleibt grau, aber zu geschäftigem Treiben am Alten Hafen, Möwengeschrei und dem Duft von Räucherfisch passt das eben auch ganz gut. Wir folgen der Grube—ein kanalisierter Bach durch die Innenstadt—zu St. Nikolai. Mein Interesse an Sakralbauten und Architektur allgemein hat in den letzten Jahren stark nachgelassen, aber diese stummen Giganten aus Backstein haben es mir angetan. Drinnen herrscht trotz der Massigkeit des Gebäudes eine gewisse Gemütlichkeit. Lokale Kunst ist ausgestellt und wertvolle Stücke der anderen beiden Pfarrkirchen St. Georgen und St. Marien, die in den letzten Wochen des zweiten Weltkrieges stark zerstört wurden. Ein Raum von St. Nikolai wurde zum Bücherbasar umfunktioniert und für einen Euro Spende pro Buch decke ich mich hier gut mit Urlaubslektüre ein.
Vom Kirchenvorplatz aus können wir schon das Stadtgeschichtliche Museum „Schabbell“, die Schweinsbrücke und die beiden Cafés Glücklich und Sinnenreich erspähen. Wismar hat eine sehr hohe Dichte sehr gemütlicher Cafés, die alle mit großer Tortenauswahl und heißer Schokolade werben. Ihre Schaufenster—wie die vieler weiterer Läden in Wismars Altstadt—sind mit der Kalligraphie von Künsterlin Birgit Gleichmann verziert. Kaffee und Kuchen muss aber noch etwas warten. Im Vorbeigehen streicheln wir den Bronzeschweinen auf der Schweinsbrücke den Bauch für Glück und gutes Gelingen und dann ab ins Museum.
Das Museum können wir nur empfehlen! Luftig kuratiert, interaktiv und didaktisch sehr geschickt führt es durch das Wismar zu den Zeiten der Hanse, der schwedischen und mecklenburgischen Herrschaft, der Industrialisierung und des Sozialsmus in der DDR. Es gibt einen kleinen Museumsshop und der sehr engagierte und freundliche Mann am Eingang hat es uns einfach gemacht, ein Ticket zu lösen. Wie gesagt: Ein sehr lohnenswerter Besuch, von dem ich viel mitgenommen habe.
Den restlichen Nachmittag verbummeln wir in der Altstadt. Zu Torte und Heißgetränk kommen wir im Café 28 auch noch. Wismar hat die perfekte Größe für ein verlängertes Wochenende: nicht so groß, dass man ins Hetzen kommt, aber auch nicht so klein, dass man das Gefühl hat, nichts erleben zu können. An jeder Ecke haben wir neue kleine Highlights entdeckt, zum Beispiel den imposanten Marktplatz mit der Wasserkunst, die gemütliche Heiligen-Geist-Kirche mit ihrer kunstfertig bemalten Holzdecke und die für Spaziergänger aufbereitete Claus-Jesup-Straße mit der Stadtbibliothek im alten Zeughaus. Das alles verwoben mit Cafés, kleinen Lädchen und Gallerien.
Ich bin Fan!