Die guten alten Zeiten, genau jetzt

Ich arbeite mich immer noch durch Schöpferisch leben von Verena Kast. An einigen Stellen habe ich das Gefühl, mein Lesen würde von einem Psychologie-Studium profitieren, aber dann versorgt mich das Buch auch wieder mit den perfekten Worten für etwas, dass ich selbst auch schon eine Weile beobachte.

Gerade geht es um das Zusammenspiel aus Erinnerungen und Sehnsüchten und wie Nostalgie oder auch das rückwärtige Sehnen die Sehnsucht nach einer Zeit sein kann, die es vielleicht nie gegeben hat. Ganz wie es Joachim Meyerhoff in seinem Romantitel Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war auch andeutet.

Das ist schon mal eine interessante Spielwiese für eigene Gedanken, aber dann zitiert Frau Prof. Dr. Kast aus Die Schopenhauer-Kur von Irvin D. Yalom.

Julius nickte betrübt. Es stimmte, dass er nie richtig den Moment ausgekostet, die Gegenwart genossen, sich nie gesagt hatte: ‚Das ist es, dieser Zeitpunkt, dieser Tag—das ist es, was ich will! Dies sind die guten alten Zeiten, genau jetzt. Lass mich in diesem Augenblick verharren, lass mich ewig in diesem Ort wurzeln.‘

Und JA MENSCH, das ist es wirklich! Ich habe in letzter Zeit in bestimmten Momenten ein Level von Zufriedenheit und Glück gefühlt, das ich mit den Menschen um mich herum—Freunde, Familie, natürlich Katharina—dann auch teilen musste. Ich versuchte es wie folgt zu erklären: „Ich habe das Gefühl, dass das die entscheidenden Momente meines Lebens sind. Die Momente, auf die so viele Menschen hinarbeiten, für die sie morgens aufstehen, auf die Arbeit gehen. Den ganzen Scheiß des Lebens durchexerzieren um zu diesen Momenten der Glückseligkeit zu gelangen.“

Ein bisschen weniger schwülstig und mit Gesprächspartnern, die sich mit Videospielen auskennen, habe ich es auch schon mit den Adventure-Spielen von Telltale verglichen, wenn am unteren Bildschirmrand eingeblendet wird, dass sich das Spiel an diese Entscheidung meines Charakters erinnern und sie in das Spielende einweben wird.

Egal wie ich es formuliere, es kam mir oft vor, als hätte ich eine Abkürzung genommen oder einen Cheat-Code in mein Spiel des Lebens eingegeben. Kann ich, darf ich mich mit Mitte/Ende Dreißig schon so angekommen, glücklich, zufrieden fühlen? Kann denn ein kleiner Moment mit Freunden, mit Familie, mit der Partnerin, mit meinen Hobbies soviel Zufriedenheit auslösen, mich so sicher fühlen lassen, dass ich auf einem guten Weg bin?

Ich vermute, dass die Antwort auf alle diese Fragen „Ja!“ lautet und in ruhigen Momenten—wenn der innere Kritiker mal die Fresse hält—kann ich das auch annehmen.

Auf jeden Fall weiß ich jetzt, wie ich diese Momente des Glücksgefühls von nun an nennen werde: Die guten alten Zeiten, genau jetzt.