Wenn ich kein Pazifist mehr sein kann, was dann?

Ich bin angepisst. Angepisst, weil mir Menschen in meinem engsten Umfeld sagen, dass ich kein Pazifist mehr sein kann.

2003! Klar! Da ging das. Aber in Zeiten von Putin, Trump, Netanyahu, Terrororganisationen und Co. brauchen wir eben das Militär um unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung gegenüber Autokraten und Faschisten zu schützen.

Das sagen mir Menschen, die nicht selten an der nächsten Straßenecke ACAB schreien … Dieser Widerspruch bleibt ihnen aber verborgen.

Auch dass über Erfolg und Misserfolg von spieltheoretischen Albträumen wie atomare Abschreckung erst am Ende aller Tage geurteilt werden kann, stört die Wenigsten. Aber ich bin es, der naiv und weltfremd ist, weil ich niemanden mit Waffengewalt und auf Befehl töten will!

Na gut, als naiv will ich nun wirklich nicht gelten. Das ist ein weiteres Problem des Begriffes Pazifist: Er bildet nicht ab, wie viele Gedanken ich mir über diese ganze Scheiße mache. Derweile mache ich mir ausgesprochen viele Gedanken.

Würde ich mein Land mit der Waffe verteidigen? Haha. Auf keinen Fall! „Mein Land“ gab es vor 40 Jahren in seiner heutigen Form noch gar nicht.

Werte und Überzeugungen? Weiß ich nicht. Vor einer Weile dachte ich noch, das bejahen zu müssen. Ist doch ein edles Anliegen. Aber so schnell, wie manche Regierung sich von Völkerrecht, Ottawa-Abkommen oder Recht aus Privatsphäre abwendet, so wenig glaube ich, dass ich noch in die Verlegenheit kommen werde, diese Werte und Normen zu verteidigen.

Und Freunde, Familie, Menschen in Not? „Ja!“ sage ich aus der Komfortzone meines Arbeitszimmers heraus. „Hoffentlich!“ sage ich, wenn ich ehrlich zu mir bin. Ich hoffe inständig, dass ich nach einem letzten Blick in die Augen derer, die ich gedenke zu schützen, und bei höchwahrscheinlich vollständigem Verlust der Kontrolle über meine Körperflüssigkeiten den Mut haben werde, mich vor die mir lieben Menschen zu stellen.

Neben diesen Fragen treibt mich auch noch die Wut um. Auf uns Menschen, unseren kollektiven Unwillen aus der Vergangenheit zu lernen und unsere Kleingeistigkeit hinter uns zu lassen und auf unsere fehlende gesellschaftliche Resilienz gegenüber den oben aufgezählten Psychopathen.

Nun … was bin ich also? Pazifist? Gegen den Trend? Was will ich denn sein? Zwei Schritte für eine erste Spurensuche:

Ich bin gespannt, wo die Reise hingeht. Anarchistischer Antimilitarist klingt auf jeden Fall schon mal deutlich eindrucksvoller als Pazifist.

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