Köln im Film zeigt: Film ab! – 130 Jahre bewegte Bilder

Die frühen Filmschnipsel und Stummfilme des späten 19. und ersten Viertels des 20. Jahrhunderts üben eine besondere Faszination auf mich aus. Vielleicht wegen der Unvereinbarkeit ihrer Magie mit den Schrecken des Kolonialismus und des Ersten Weltkriegs. Oder weil die benutzten Techniken und Tricks meine eigenen kreativen Geister erwecken. So oder so: Mit den Lumière-Brüdern, Georges Méliès und Lotte Reiniger wäre ich gern um die Häuser gezogen. Heute konnte ich ihre Arbeiten auf der großen Leinwand bewundern.
Der Verein Köln im Film zeigte unter der Leitung von Stefanie Wüster-Bludau und Caroline Nokel ihr Jubiläumsprogramm im Filmforum. Denn vor 130 Jahren—am 20. April 1986—wurde in Köln zum ersten Mal in Deutschland ein Programm mit Filmen vor zahlendem Publikum aufgeführt. Aus dieser Ära wurden vier nur wenige Sekunden dauernde Filme gezeigt, mit Live-Musik von Rolf Springer und Kornelius Heidebrecht.
- Arbeiter*innen [Anpassung des Titels inspiriert von Caroline Nokel] verlassen die Fabrik
- Ankunft des Eisenbahnzuges (Nicht zu verwechseln mit Die Ankunft eines Zuges auf dem Bahnhof in La Ciotat; Nähe von Titel und dargestellter Szene ist kein Zufall und macht diesen Film vielleicht zum ersten Remake der Geschichte)
- Am Kölner Dom nach dem Hauptgottesdienst
- Pontonbrücke in Köln
Es folgten zwei Klassiker der frühen Kinogeschichte: La Crinoline (Die Maus in der Krioline) der ersten Filmemacherin der Geschichte, Alice Guy, und Le Voyage dans la Lune (Die Reise zum Mond) von Georges Méliès, welcher sicher nicht nur durch den Film Hugo Cabret deutlich mehr Bekanntheit als seine weiblichen Zeitgenossinnen genießt. Das Live-Musiker-Duo zeigte hier zum ersten Mal seine hohe Variabilität und seinen mposanten Einfallsreichtum—die Filmmusik war ein absoluter Gewinn bei dieser Vorstellung!

Im 10-Minuten-Ausschnitt des Films Das Abenteuer eines Journalisten von Harry Piel und Ludwig Trautmann wurden wir Zeugen früher Action-Sequenzen und Special Effects, inklusive Verfolgungsjagd zu Fuß, zu Pferd, im Auto … und mit der Wuppertaler Schwebebahn!
Mein persönliches Highlight der Matinée: Aschenputtel von Lotte Reiniger in der englischen Synchronfassung von 1927. Hinter mir saß ein älterer Herr, der aus dem Staunen und Feiern gar nicht mehr raus kam. So schön!
Recht hat er! Die Scherenschnitttechnik und der feine Humor von Lotte Reiniger berühren und verzaubern.
Den Abschluss des Programms stellten drei Vertreter eines moderneren Films dar: Filmstudie von Hans Richter, einem der Wegbereiter des Absoluten Films—Film als eigene, gerne abstrakte Kunstform. Der kuriose Rainbow Dance von Len Lye, der mich an die frühen iPod-Werbungen von Apple erinnerte. Vielleicht weil er tatsächlich als Werbefilm konzipiert war. Für die britische Postbank! Und schließlich Der Wechsel (2016!) von Markus Mischkowski—der auch selbst anwesend war—und Kai Maria Steinkühler; eine in Machart und Anspielungen warmherzige und fröhliche Hommage an den Stummfilm vor über 100 Jahren!
Für zwei Stunden existierte Köln nur in den Bildern des späten 19. Jahrhunderts und die Welt draußen nur in schwarz-weiß. Magie, wie sie nur das Medium Film heraufzubeschwören weiß.