Noch bist du da

Wirf deine Angst
in die Luft
Bald
ist deine Zeit um
bald
wächst der Himmel
unter dem Gras
fallen deine Träume
ins Nirgends
Noch
duftet die Nelke
singt die Drossel
noch darfst du lieben
Worte verschenken
noch bist du da
Sei was du bist
Gib was du hast

Ich arbeite mich gerade durch das Buch Schöpferisch leben von Verena Kast, das keine—wie Titel und Cover vermuten lassen könnten—esoterische Selbsthilfe-Lektüre ist, sondern eine ziemlich tief in die Psychologie vordringende Aufsatzsammlung. Das erste Kapitel Vom gelassenen Umgang mit Angst und Krisen endet mit diesem Gedicht von Rose Ausländer aus dem Jahr 1977.

Es berührt mich tief, wie sie es schafft, in so wenigen Worten der Vergänglichkeit respektvoll zu begegnen und gleichzeitig das schöpferische Leben zu bewerben. Sein und Machen im Angesicht des sicheren Todes. Die Essenz des Menschseins in 48 Worten.